Ein Medientag – Eine sozialpädagogische Betrachtung eines Novembertags

MediensprechstundeMedienkompetenz ist in aller Munde, so denkt man. Oder ich denke das! Auch denke ich, besonders wenn ich mich für eine weitere Vorlesung vorbereite, Sozialpädagogen, LehrerInnen oder allgemein Fachkräfte in diesem Bereich sollten verschiedene Prinzipien pädagogischen Handelns verinnerlicht haben.

 

Perspektive 1:

Gestern war in einer Ravensburger Schule Medientag. Klasse mag man so denken. Medienberichte über Cybermobbing etc. nehmen ja irgendwie kein Ende und Betrügereien gibts im Internet ja auch. Da ist es Klasse wenn ein ganzer Tag für dieses Thema genutzt wird. Akteure sind wie immer die ganze Lehrerschaft, die sind ja eh omnipotent und können von Kochen bis Firmen gründen und Medienkompetenz eh alles. Dazu haben sie Motivation und Energie für die zusätzlichen Tätigkeiten für die sie nie ausgebildet wurden. Dann macht der Medientag halt die Polizei und die Sparkasse. Wer braucht schon Medienpädagogen… tzzz. Besonders woher nehmen, so einen Medienpädagogen?

Man könnte auf die beiden regionalen Hochschulen zurückgreifen die für Lehrerbildung, Medienpädagogik und Sozialwesen international bekannt sind. Aber he… die Polizei und die Sparkasse, die rocken das bestimmt besser. Kost ja auch nix. Ist ja eh oberstes Ziel eines Rektors das alles kostenlos sein sollte. Man muss ja nicht mich fragen, der mittlerweile sechs Medienprojekte und eine Medien AG mit dieser Schule gemacht hat. Aber seis drum. Schauen wir uns das eigentlich Gravierende an dieser Situation mal genauer an.

Perspektive 2:

Reden wir mal kurz über Sozialisation von Menschen, damit meine Denkweise nachvollziehbar bleibt. Bisher war es so, dass Familie, Freunde, Vereine sowie Kiga, Schule, Ausbildung, Studium und Job zu den gängigen Sozialisationsinstanzen gehörten. Das bedeutet, die Prägung die Menschen annehmen, den Charakter der gebildet wird und die Werte und Normen die Menschen verinnerlichten, wurden durch diese Gruppen gebildet. Zuerst die Eltern, Geschwister etc. und irgendwann Arbeitskollegen und Freunde. Seit einigen Jahren, sagen wir so im 15. Jahrhundert wurde der Buchdruck erfunden und das Buch avancierte zum Meinungsbildner schlechthin. Naja die ganze Geschichte der neuzeitlichen Medien muss ich an dieser Stelle wohl aus Platzgründen auslassen. Soweit aber bekannt sein dürfte ist, dass das Fernsehen und Internet als neue, mächtige Sozialisationsinstanzen in unser Leben getreten sind. „Youtuber werden..“ ist 2015 ein vielzitierter Berufswunsch hiesiger 10 bis 15 Jähriger SchülerInnen. Viele Fachleute, Eltern und auch Jugendliche sind sich einig, dass die traditionellen Instanzen neu gestärkt werden sollten. Als Gegenüber zur Medienmacht von Sat 1, MTV und Youtube.

 

Was prägt unsere Kinder? Das ist die Frage die wir uns immer stellen könnten!

 

Perspektive 3:

Die Schule & der Lehrkörper. Das Beamtenverhältnis für Lehrer trägt der Tatsache Rechnung, dass in den Schulen in großem Umfang hoheitliche und für den späteren Lebensweg der Schüler prägende Entscheidungen getroffen werden. Hoheitlich. Es werden natürlich Bildungskooperationen eingegangen oder Bildungspartnerschaften mit Firmen und der Industrie. Das ist Schule heute, dynamisch.

Jedoch, die pädagogische Hoheit, so haben wir gelernt, bleibt bei der Schule. Das ist der Grund, wieso ein Physiker an einer Schule kein Physik unterrichten darf, er ist kein Lehrer. Und Vorne stehen und reden, ist nicht lehren!

 

Betrachten wir aber nun das gesamte Szenario mal aus einer

 

Metaperspektive:

 

Medientag in einer staatlichen Schule. Bildungskooperation 1: Polizei, Bildungskooperation 2: Sparkasse. Inhalte Polizei: Gefahren, Risiken, Strafen. Szenisch steht ein Mann in Polizeiuniform vorne und bringt das „Medienpräventionspaket“ an die Schule. Inhalte Sparkasse: Gefahren, Risiken, Urheberrecht und ein schick gestaltetes Heft ohne medienpädagogischen Nutzen. Abfrage bei einzelnen Schülern, 8 Minuten nach diesem Pseudopräventivpädagogikirgendwasvormittag, was denn so Fazit ist nach den 4 Schulstunden: Angst, Unsicherheit, Noch mehr Gefahren, Krasse Strafen für Unwissenheit.

 

Na da kann sich diese Ravensburger Gemeinschaftschule im November 2015 wirklich ein pseudopädagogischen Schulterklopfer geben.

 

 

Versagt auf ganzer Linie: Kein Nutzen, Kein Mehrwert, Kein Unterricht, Keine Bildung, Keine Chancen, Keine Perspektiven, Kein Verständnis für Medien, Keine Pädagogik…. für Die Schüler

 

Aber dafür gabs das was die Kinder kennen: Entertainment; Ganz nach dem Motto „We love to entertain you – Schule + Polizei + Banken“

 

Ich nehme den Satz von oben nochmals auf: „Was prägt unsere Kinder?“ Was ist die Message dieses Medientages?

 

Angst, Gefahr, Sicherheit, Pädophile überall, Betrüger überall und dazu noch … „aber machen kannst nur DU was“.

Spitze! Verantwortung auf die eh schon verunsicherte Jugend abgeladen. Wo sind denn Möglichkeiten wie E-Partizipation, E-Learning, E-Coaching, Microlearning, etc angesprochen? Wo wurde klargestellt welche Bildungschancen diese Medien bieten.

 

Mein Fazit:

 

  • Wenn wir die Instanz der Schule und ihre hoheitliche Aufgabe der Bildung sowie die Sozialisation unserer Kinder an die Wirtschaft abgeben,
  • wenn wir zu mittelmäßig, zu engstirnig oder zu borniert sind um die Aufgaben als (Sozial-) Pädagogen wahrzunehmen und
  • wenn wir, aufgrund unserer eignen Bequemlichkeit und der Annehmlichkeiten unserer Jobs, unser Wohl und unsere Bequemlichkeit über das Wohl der Kinder und Jugendlichen setzen

 

haben wir das Recht auf Demokratie und Fortschritt verwirkt. Wir sollten dann unseren Beamtenstatus abgeben, uns Zeit nehmen für ein eigenes Buch eine Weltreise oder sonst was Sinnvolles. Nur, dann noch unsere Kinder bilden, das wird schwierig, so finde ich.

 

Aber das ist ja nur eine medienpädagogische Meinung eines Einzelnen 😉

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.